Stempel drauf … und dann?


29.08.2006

verschiedene Stempel, bunt durcheinander

Mitten ins Sommerloch fällt das neue Zertifikat für barrierefreie Webangebote von DIN CERTCO. Seit langem angekündigt, hat man nun gemeinsam mit dem Aktionsbündnis für barrierefreie Informationstechnik (AbI) Nägel mit Köpfen geschmiedet und bietet die Zertifizierung von barrierefreien Internetpräsenzen an. Was sind die Vorteile dieses Zertifikats und wo lauern eventuelle Pferdefüße?

Viele Webangebote schmücken sich mit dem Attribut barrierefrei, sind es aber nicht. Öffentlich-rechtliche Anbieter sind verschiedentlich per Gesetz oder Verordnung verpflichtet oder zumindest angehalten, ihre Angebote barrierefrei zu gestalten. Der Zugang zu Informationen im Internet wird immer noch erheblich erschwert, nicht nur für behinderte Nutzer, oft hat auch der Otto-Normalsurfer mit den Tücken der Seiten zu kämpfen. Diverse Anbieter tummeln sich auf dem Markt, die trendgerecht Barrierefreiheit verkaufen, aber erschreckend wenig Ahnung davon haben.

Mit Brief und Siegel

In diesem Wirrwarr kann man ein Zertifikat nur begrüßen. Es kann Transparenz und Sicherheit schaffen und so die schwarzen Schafe von umgesetzter Barrierefreiheit trennen. Wer ein Zertifikat vorweisen kann, beweist guten Willen und bietet Nutzbarkeit und Zugänglichkeit für Alle. Von DIN CERTCO akkreditierte Prüfinstitute werden die Konformitätsprüfungen durchführen, zum Beispiel werden die Berater des BIK-Projektes bei den Prüfungen beteiligt sein. BIK hat in der Szene schon lange einen guten Namen, deren BITV-Tests sind anerkannte Methoden zur Bestimmung barrierefreier Webangebote und Grundlage für das Zertifizierungsverfahren.

Warum also so eine Aufregung um Sinn und Unsinn dieses Zertifikates? Nun: ein Auto besteht in der Regel aus zertifizierten Bauteilen, die in ebenfalls zertifizierten Verfahren zusammengebaut werden. Am Ende steht ein fahrtüchtiges und sicheres Gefährt auf der Straße, das auch noch alle zwei Jahre zur Prüfung muss, um die Gültigkeit des Zertifikats zu beweisen. Und wenn man nicht gerade selbst wie wild dran rumschraubt, fette Spoiler montiert und die Karre bis zum Funkenflug tieferlegt, bekommt man von TÜV oder DEKRA meist problemlos seine Plakette für die nächsten zwei Jahre. Ein Webauftritt ändert sich aber oft täglich oder gar stündlich. Und meist schrauben daran mehrere Redakteure rum, die unter Zeitdruck Inhalte produzieren. Da vergisst man schon mal, die eine oder andere Schraube festzuziehen. Und schon ist die gewünschte Barrierefreiheit auf dieser Seite dahin. Einige Nachlässigkeiten später ist dann eventuell alles zum Teufel gegangen.

Zum Gelde drängts, am Gelde hängts

Sicher, bei DIN CERTCO wird natürlich auf Nachprüfungen während der Gültigkeitsdauer des Zertifikates hingewiesen. Die Nachhaltigkeit der Angebote soll ja gewährleistet sein. Bei notwendigen Wiederholungsprüfungen wird dann auch nachkassiert. Womit wir bei den Kosten wären. Für größere Webangebote, was die Auftritte des Bundes, der Länder und der Kommunen beträfe, kommen da schnell einige Tausend Euro zusammen. Diese steuerfinanzierten Anbieter schwimmen nun nicht gerade wie Dagobert Duck im großen Geld. Ist es da gerechtfertigt, weitere Gelder in solch ein Zertifikat zu stecken? Kleinere Firmen, die ihren Besuchern und sich selbst etwas Gutes mit einem barrierefreien Webauftritt tun wollen, scheuen sicher noch schneller diese zusätzlichen Ausgaben. Wie oben schon erwähnt, ändern sich stets aktuell gehaltene Auftritte rasend schnell. Dabei die Barrierefreiheit sicherzustellen, ist schon ein anspruchsvolles Ding. Das DIN-Siegel allein schützt dabei nicht vor Fehlern und eventuell unwilligen Redakteuren.

Sollte man hier nicht auch über die Ersteller dieser Webauftritte nachdenken: die Agenturen und Webdesigner, die das Grundgerüst schaffen, in dem sich nachher die Redakteure tummeln? Diese zu zertifizieren wäre im derzeit unübersichtlichen Markt genauso sinnvoll. Aber brauchen wir hierfür ein DIN-Zertifikat? Es gibt (hoffentlich auch weiterhin) die 95plus-Liste des BIK-Projektes und den BIENE-Wettbewerb, die beide einen guten Überblick über fähige Anbieter von barrierefreien Webangeboten geben. Bekanntlich regelt die Zeit fast alles von selbst. Warten wir also ab, wie sich das Zertifikat in der Zukunft bewährt. Es wird auf jeden Fall von Befürwortern wie Kritikern scharf beobachtet werden.

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